Liebe Leserin und Leser,

Sie befinden sich hier auf historischem Grund – virtuell gesehen- und haben die Möglichkeit, über 25 Jahre Aktivitäten der Caritas im Ruhrbistum im Ausland zu betrachten – wenn Sie möchten.

Wir finden, das in dieser Zeit so viel passiert ist, insbesondere in der Zeit nach der „Wende“ und den folgenden Jahren, das wir es Ihnen nicht vorenthalten möchten, zu zeigen, was ein relativ kleiner Caritasverband auf Bistumsebene so alles bewirken kann.
„Kalter Kaffe““ können Sie sagen, „Alter Kram von gestern“, alles richtig, wenn man kein Bewusstsein für Geschichte hat, für Gewachsenes. Aus diesen Anfängen und zum Teil noch unsortierten Aktivitäten ist aber auch vieles entstanden, was immer noch Bestand hat in unserer Arbeit, nur unter geänderten Bedingungen.

Um diese Zeit, besonders ab 1989, besser zu begreifen, eine kleine Begebenheit mit dem damaligem Bischof von Essen, Franz Kardinal Hengsbach. Der bei einem Gespräch über die Schwerpunkte der Auslandsarbeit der Caritas im Ruhrbistum sagte er: „Jetzt oder nie“! Es ging um die Fülle der neuen Herausforderungen, die in kürzester Zeit alle auf uns einstürmten: Friedliche Revolutionen in Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen, Bulgarien, Albanien, alles noch in 89. Blutige Revolution in Rumänien zu Weihnachten 89,

Ab 1991 Krieg in Kroatien, dann Bosnien, Montenegro, ein großes Rückkehrprojekt in Mazedonien, das friedlich blieb. Hilfen für die neuen Länder der ehemaligen UdSSR, besonders für die Ukraine ab 1996, anfangs noch Russland.

1999 Kosovo-Krieg, ---

Dieser Bereich ist im Aufbau, deshalb werden Ihnen einige Bereiche etwas unsortiert vorkommen. Wir arbeiten dran, ständig, suchen alte Reiseberichte, Fotos, Zeitungsausschnitte, um die Bereiche zu vervollständigen. Aber es besteht die Chance, dass ein Bild einer historisch interessanten Epoche entsteht. Daran arbeiten wir.

Viel Spaß beim Lesen
Ihr
Rudi Löffelsend


"Jetzt oder nie!"
Die Auslandshilfe der Caritas im Ruhrbistum

Eigentlich bin ich 1980 zur Caritas gegangen, damit ich es ruhiger und regelmäßige Dienstzeiten habe. Dies war einer der historischen Irrtümer in meiner Vita. Vorher war ich acht Jahre beim Bischöflichen Jugendamt.

Doch kaum zwei Wochen an Bord, sollte ich für die Opfer der Erdbeben-Katastrophe 1980 in Süditalien eine Aktion verantworten, die sich als Zeitbombe erwies. Wir hatten alle Pfarreien im Bistum aufgefordert, warme Kleidung für die Opfer zu sammeln. Das sprengte jeden Rahmen. Es brauchte rund sechs Monate um der hunderten von Tonnen Herr zu werden. Danach kannten mich alle im Caritasbereich. Kaum einen Monat später, im März 1981, musste ich mit meinem Chef, Prälat Berghaus, "zum Bischof', Dr. Franz Hengsbach.

Und der eröffnete mir: "Wir müssen den Polen helfen, praktisch, mit Lebensmitteln - und du machst das". Widerspruch, zaghaft vorgebracht, war zwecklos. Als ich sagte, ich hätte weder von Ausfuhrregelungen noch von Polen eine Ahnung, antwortete er nur: "Dann lernst du es eben!" Recht hatte er. Bischof Hengsbach war Mitglied einer kleinen gemischten Kommission der deutschen und der polnischen Bischofskonferenzen, die an der konkreten Aussöhnung arbeiteten. Und 1981 war die Solodarnoc erstarkt, aber die Versorgung der Bevölkerung wurde täglich schlechter. Rund 4.000 Tonnen direkte Hilfe im Wert von über 30 Millionen Mark wurden es. Aber: bedeutsamer war für die polnische Kirche war etwas anderes: Weihbischof Domin, Vorsitzender der Caritas-Kommission der polnischen Bischofskonferenz schrieb schon 1983 an die Caritas im Ruhrbistum: "Jetzt ist eine passende Gelegenheit der Danksagung für die Bestätigung des äußeren Weltfriedens durch Ihre bisherige Polernhilfe. Unsere Bischofs-Konferenz sagt dazu 'zusammen mit dem ganzen Volk sagen wir eine tiefe Dankbarkeit. lhre bisherige Hilfe für das polnische Volk war ein großer Beitrag zum Weltfrieden". Und im Tätigkeitsbericht 1983 steht auch: "viele Kontakte sind mit den Menschen in Polen entstanden, dies ist für uns ein sehr wichtiger Beitrag zur Aussöhnung mit dem polnischen Volk".

Dezember 1989, die Öffnung Ost-Europas, das Ende des Kommunismus, erstmals die Möglichkeit zu helfen, den Menschen und der Kirche. Bischof Hengsbach, inzwischen zum Kardinal ernannt, stellte mich zu sich ein. "Jetzt oder nie", sagte er, "müssen wir möglichst vielen in den jetzt freien Ländern helfen. Mit allen Kräften!"

Klare Auftragslage; und die Ereignisse überschlugen sich. Die UdSSR, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Polen, waren dann für viele Jahre unsere Zielgebiete. Weltkirche, das katholische - umspannende - wurde erlebbar. Tausende von Menschen aus dem Bistum halfen, mit Gaben, mit Geld, mit persönlichem Einsatz.

Über ein Projekt im ehemaligen Jugoslawien bekamen wir engen Kontakt mit der Staatskanzlei NRW. Über diese konnten wir viele Projekte verwirklichen, bis 1997. Besonders nach Ausbruch der schrecklichen Kriege in Kroatien und dann in Bosnien, wurde fast übermenschliches verlangt, um hier zu helfen. Daraus sind langjährige Partnerschaften bisheute entstanden. Über 1.000 renovierte oder neue Häuser in den Kriegsgebieten, soziale Einrichtungen, äußere Zeichen der Hilfe. Aber: wer wieder ein "Dach über dem Kopf" gibt, wer vor allem Arbeit schafft, also wieder eine Perspektive schafft, der leistet Friedensdienst, meinte Hans Koschnik, in den 90er Jahren EU-Administrator in Mostar einmal zu uns. Es folgten Einsätze in Albanien, im Kosovo. Und jetzt sind wir in Serbien aktiv, dem früheren Aggressor. Und: im Moment läuft ein EU-gefördertes Projekt, in dem wir die Vernetzung der Caritasverbände in Serbien, Kroatien und Bosnien fördern, vor wenigen Jahren noch undenkbar.

So versucht ein kleiner Caritasverband in einer kleinen deutschen Diözese zu helfen. Und dies seit 28 Jahren, getragen von der Mithilfe vieler tausend Menschen in unserem Bistum, bis heute.

(aus dem „Ruhrwort“, 8.3.2008)

Rudi Löffelsend